Wie lange noch?

Wie lange noch?

«Du warst nicht immer so», sagt sie. Und dass die «depressiven Züge», die ich noch immer an mir habe, nicht zu mir gehören. Wohnzimmer, kurz nach Feierabend. Keine Ahnung, wie wir von harmlosem Geplänkel in dieses Thema geraten sind. Aber wo wir schon mal hier sind… «Doch, war ich.» Oder? Ich bin jetzt geheilt. Keine Benzos oder Schlafmittel mehr, Antideps abgesetzt. Therapie beendet. Ich dachte immer, dass das die Definition von «gesund» ist. Leben wie alle anderen. Die frühstücken ja auch keine Pillen. Dass ich falsch lag, weiss ich jetzt. Denn ja, ich war anders. Ausgeglichener. Weniger wütend. Netter zu mir selbst.

Aber wo ist die alte Janine? Ist sie in der Psychiatrie gestorben? In der ersten Nacht auf der Geschlossenen? Oder vorher schon? Hat mein Ex sie getötet oder war ich es selbst? Vielleicht habe ich sie auch einfach ausgeweint. Zusammen mit Taschentüchern im Hausmüll entsorgt. Ausgeatmet beim Rauchen. Besoffen herausgegrölt. Keine Ahnung.

Ich stelle mir mich oft als Vase vor. Orange mit hässlich braunem Blumenmuster. Wieso auch immer, ich hasse Orange. Jede Verletzung, jedes schlimme Ereignis ein Stück, das wegbricht. Bis die Vase auseinanderfällt. Seit drei Jahren klebe ich die verdammten Scherben zusammen. Zerschneide mir an ihnen die Finger. Setze Teile falsch zusammen, beginne von vorne. Aber egal, wie viel Mühe ich mir gebe, die Vase sieht nicht aus wie vorher. Und ich bin es leid. Die verklebten Finger und Gedanken. Das Warten und Verzweifeln und die Hoffnung darauf, dass ich es doch noch hinkriege. Alle Teile am richtigen Platz, keine Sekundenkleberrückstände, keine Risse.

Passt.

Wenn ich wenigstens wüsste, wie lange es noch dauert. Wie viele Tage oder Jahre ich im Kalender abhaken muss. Dann könnte ich mich vorbereiten. Eine grosse Party organisieren. «Kommt alle vorbei, um zu feiern, dass ich wieder ich bin!» Es gäbe Kuchen, klar. Und Wein und ein Buffet. Die Vase würde dekorativ (und ganz!) in irgendeiner Ecke stehen.

Blödsinn. Denn eigentlich weiss ich, dass es nicht so einfach ist. Dass es noch Jahre oder ein ganzes Leben dauern kann. Dass der Leim irgendwann alle ist und ich akzeptieren sollte, wer ich (geworden) bin. Und dass «ein bisschen kaputt» besser ist als «inexistent». Denn in einer reparierten Vase kann man immerhin noch Blumen drapieren. Liegt sie aber im Bauschuttcontainer neben zerbrochenen Porzellantellern und Tonschüsseln, ist nichts mehr zu retten.